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Projektfahrt nach Ysselsteyn

Posted by Boscher (boscherm) on 20-07-2017
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Frieden und Versöhnung über den Gräbern?!
Projektfahrt in die Jugendbegegnungsstätte Ysselsteyn in den Niederlanden
Im Rahmen der diesjährigen Projekttage fuhr eine Gruppe von 16 Schülerinnen und Schülern des Gymnasium Laurentianum zusammen mit den begleitenden Lehrerinnen und Lehrern Christine Drees, Verena Jürgens und Robin Krühler nach Ysselsteyn in den Niederlanden. In Ysselsteyn befindet sich mit insgesamt fast 32.000 gefallenen deutschen Soldaten und Kriegstoten der größte Soldatenfriedhof der Niederlande, der vom „Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge“ (VDK) unterhalten und gepflegt wird. Direkt neben dem Friedhof liegt eine Jugendbegegnungsstätte des VDK, in der Schülergruppen unterkommen und betreut werden können. Unterstützt und gefördert wurde das Projekt zudem durch die „Stiftung Gedenken und Frieden“.
Nachdem die Laurentianer am Freitag in Ysselsteyn angekommen waren, wurden sie von einer Freiwilligen, die für ein Jahr in Ysselsteyn arbeitet, über den Friedhof geführt. Auf dem Friedhof, der 1946 angelegt wurde und inzwischen etwa 30 Hektar groß ist, wurden alle in den Niederlanden gefallenen Soldaten im zweiten Weltkrieg bestattet und außerdem 85 Gefallene des ersten Weltkriegs. Weil die Niederländer nach dem Krieg eigentlich keine der deutschen Besatzer in ihrem Land haben wollten, gaben sie das Gelände des Ysselsteyner Friedhofs frei. Dorthin wurden alle schon zuvor bestatteten deutschen Soldaten umgebettet, sodass nun fast alle im Zweiten Weltkrieg auf niederländischem Gebiet gefallenen deutschen Soldaten auf dem Friedhof bestattet sind. Für jeden Soldaten wurde auf dem Friedhof hinter seinem Grab ein Steinkreuz mit Namen, militärischem Rang, Geburts- und Sterbedatum sowie seiner eigenen Grabnummer aufgestellt. Bei ungefähr 6000 der Soldaten ist nicht bekannt, um welche Person es sich handelt, sodass statt eines Namens nur „Ein unbekannter deutscher Soldat“ auf ihrem Kreuz steht. Des Weiteren gibt es einige Kameradengräber, in denen mehrere Soldaten zusammen bestattet sind, weil die einzelnen Körper nicht mehr identifiziert werden konnten.
Am Samstag begaben sich die Schülerinnen und Schüler mit dem Bus nach Amsterdam um dort das Verzetsmuseum (Widerstandsmuseum) zu besuchen. Neben vielen Informationen zu der Besatzung der Niederlande und dem Leben in einem besetzten Land, ging es vor allem darum, wie sich die Niederländer unter der Besatzung verhalten haben und wie sich auch von London aus Widerstand gegen die deutschen Besatzer entwickelte. In einem Teil des Museums wurden die Schicksale von vier Kriegskindern dargestellt, die die Besatzung der Niederlande auf verschiedene Weisen erlebten. Durch Nachbauten von Zimmern und interaktive Spiele sowie Filme wurden die Einzelschicksale erlebbar gemacht und beindruckten die Schülerinnen und Schüler. An dem darauffolgenden Tag unternahm die Schülergruppe mit dem Fahrrad einen Ausflug in die Kleinstadt Overloon. Dort befindet sich das Nationale Kriegs- und Widerstandsmuseum in dem neben einer Ausstellung von originalen Alltagsgegenständen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs auch Kriegswaffen ausgestellt sind. Besonders interessant war es für die Schülerinnen und Schüler die Sicht der Niederländer auf den Zweiten Weltkrieg zu sehen und auch die Schicksale von Niederländern zu betrachten. Zurück in Ysselsteyn setzten sich die Schülerinnen und Schüler mit einzelnen Schicksalen von dort begrabenen Soldaten auseinander. Philip Kleykamp sagte zu dem Schicksal eines 16jährigen Soldaten, der an der Front gefallen ist: „Ich finde es erschreckend mir vorzustellen, wie ich mich jetzt als Soldat im Krieg befinden würde, genau wie die Jungen damals ja schon in meinem Alter eingezogen wurden.“ Der Höhepunkt der Fahrt war allerdings das Gespräch mit Afko Schoonbeek, dem 1936 geborenen Sohn eines niederländischen Widerstandskämpfers. Er beeindruckte die Schülerinnen und Schüler mit der Lebensgeschichte seines Vaters, der gegen die deutsche Besatzung kämpfte und nach dem Krieg an seinen Verletzungen durch die Lagerhaft, u.a. im KZ Neuengamme starb. Schoonbeek sprach darüber, wie er die Besatzung als Kind erlebt hat und wie er in ärmlichen Verhältnissen um sein Leben bangen musste. Außerdem berichtete er, wie schwer es ihm fiel über seinen Vater und den Krieg zu sprechen. Erst als er Mitte der neunziger Jahre den Ehering und eine Armbanduhr von seinem Vater aus dem Konzentrationslager bekam, begann er sich intensiv mit dem 2. Weltkrieg und seinem Vater auseinanderzusetzen. Obwohl Afko Schoonbeek durch die Deutschen im Zweiten Weltkrieg seinen Vater verloren hat, verspürt er keinen Hass den Deutschen gegenüber, weil er denkt, dass Schuld nicht vererbbar ist. Er versucht mit der Geschichte von ihm und seinem Vater aufzuzeigen, was Krieg bedeutet und besonders Jugendlichen als Zeitzeuge von seinen Erfahrungen zu berichten. Am Ende beeindruckte er die Laurentianer mit einem Gedanken zur Freiheit. Schoonbeek verglich die Freiheit mit einem Fisch, der im Wasser schwimmt und sagte: „Der Fisch wird niemals bemerken, dass er sich im Wasser befindet, obwohl er die ganze Zeit darin schwimmt, doch ohne das Wasser kann der Fisch nicht überleben. Es ist wichtig, dass ihr euch bewusst seid, was für ein Geschenk es ist, in Freiheit zu leben, aber noch wichtiger ist es diese Freiheit gegen alles zu beschützen, weil sie für unser Leben unabdingbar ist.“ Mit genau diesem Gedanken fuhren die Jugendlichen zurück nach Warendorf. Das Thema der Fahrt: „Frieden und Versöhnung über den Gräbern?“ scheint vielleicht etwas absurd, doch am Ende hat sich gezeigt, dass das Gedenken an die vielen Toten helfen kann, den Frieden zu bewahren und über die Folgen einer Diktatur aufzuklären, die schon ihre Kinder angeblich für das Vaterland in den Krieg schickte.

Last changed: 20-07-2017 at 22:25:39

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