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"Drahtseil" – ein Elterninformationsabend zu Alkohol, Gewalt und Medien

Posted by Boscher (boscherm) on 08-11-2015
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Dieser Elterninformationsabend war alles andere als gewöhnlich: Rund 40 Mütter und Väter waren in die Caféteria des Gymnasiums Laurentianum gekommen, um sich mit den Kriminalhauptkommissarinnen Sandra Bothe und Karina Cajo auszutauschen.
„Wir möchten Sie heute Abend auf eine Party mitnehmen“, gab Cajo die Richtung vor. Unter dem Titel „Das Drahtseil – ein Balanceakt aus Alkohol, Gewalt und Medien“ konstruierten die Beamtinnen den Geburtstag eines 15jährigen Jungen. Ort des Geschehens: Der Keller des Elternhauses. Da drängt sich die Frage auf, wo sich die Eltern während besagter Party aufhalten. Die Mehrheit der Zuhörer sagt: Zu Hause. Schließlich sei der Sohn noch minderjährig, so ein Teilnehmer. Doch was tun, wenn einer der Gäste mit Rucksack vor der Tür steht und der Verdacht nahe liegt, dass sich darin Alkohol befindet? Einerseits haben die Eltern das Hausrecht, andererseits sei der Rucksack Privateigentum, merkte Bothe an. Die beste Lösung: Den Gast nach dem Inhalt fragen und die Bitte äußern, nachsehen zu dürfen. Lehne der Jugendliche ab, bleibe die Möglichkeit, ihn wegzuschicken.
Weiter geht es im Szenario, das von eher zurückhaltenden Eltern ausgeht: Nach einer Weile begeben sich die Eltern in den Partykeller, um Essen anzubieten. Dort herrscht Chaos: Es wird geraucht, geprügelt und der eine oder andere Gast liegt betrunken in der Ecke – viele sind nicht einmal 16 Jahre alt. Wie verhält es sich mit der Aufsichtspflicht und dem Jugendschutz? Schließlich sind die Eltern Hausherren und Veranstalter. Zunächst einmal sei wissenswert, dass das Jugendschutzgesetz in privaten Räumlichkeiten ausgehebelt sei. „Es ist leider ein wenig schwammig. Wenn Sie Ihrem Kind zu Hause das Rauchen erlauben, können wir als Polizei nichts machen. Das Verbot gilt nur für den öffentlichen Raum“, bedauert Bothe und ergänzt: „Sie können bei der Feier nicht permanent aufpassen und die ganze Zeit daneben stehen. Das ist fernab jeder Realität.“ Bekomme man Exzesse jedoch mit und schreite nicht ein, handle man grob fahrlässig. Dies gilt auch für den Fall, dass Eltern zur Feier kommen, um das eigene Kind abzuholen. Sollte erkennbar sein, dass die Party der Minderjährigen aus dem Ruder laufe, seien auch diese Eltern in der Verantwortung zu reagieren. Abschließend thematisiert Cajo einen weiteren möglichen Vorfall: Ein Pärchen zieht sich in einen Nebenraum zurück, es wird intim. Ein Gast filmt heimlich mit. Dass die Aufnahmen nicht verbreitet werden dürfen, ist allen Anwesenden klar. „Es reicht jedoch schon, das Bild oder das Filmchen auf dem eigenen Handy anderen zu zeigen, um von Verbreitung zu sprechen. Es handelt sich um eine Verletzung des persönlichen Lebensbereichs“, ordnet Cajo ein. „Auch hier muss man sagen, dass das Gesetz schwammig ist.“

Nach der Party dann das traurige Fazit: Erbrochenes in der Vase, Blut auf dem Teppich, Scherben, kaputte Möbel und noch dazu ist alles bei Youtube zu sehen. Hätten die Eltern all das verhindern können? „Es gibt keinen Königsweg. Wichtig ist, immer wieder
das Gespräch mit den Kindern zu suchen und Grenzen zu ziehen. Tauschen Sie sich auch mit anderen Eltern aus.“ Es sei ein Balanceakt. Niemand wolle spießig und „uncooler“ als andere Eltern sein, doch seien Regeln und Gesetze nun mal einzuhalten.
Abgesehen von möglichen Exzessen Minderjähriger lenken die Polizistinnen den Blick auch auf die Erziehungsberechtigten und deren Vorbildfunktion. Mit 14 dürfen Minderjährige in Anwesenheit und mit Zustimmung der Eltern Bier, Wein und Sekt trinken. „Sie glauben gar nicht, was für seltsame Rituale wir schon mitbekommen haben. Da feiert der Vater mit seinem Sohn mit viel Bier dessen 14. Geburtstag, da der Junge ja nun endlich trinken darf“, schildert Bothe. Noch erschütternder seien Aussagen kleiner Kinder, die wie selbstverständlich erzählen, die Flasche Wein stehe eigentlich immer auf dem Frühstückstisch. Auch abseits solch extremer Erfahrungen besteht laut Bothe Handlungsbedarf. „Erwachsene leben Kindern und Jugendlichen Gewohnheiten vor. Warum gehört zu einem Kindergartenfest der Ausschank von Alkohol? Es wird gegrillt und sofort stellt jemand einige Flaschen Bier auf den Tisch. Der Nachbar kommt zu Besuch, man bietet ihm ein Bier an. Vor jedem Fußballspiel läuft Werbung für Bier im Fernsehen. Alkohol gehört für viele einfach dazu. Das sehen auch Heranwachsende.“ Dieser oftmals sehr fahrlässige Umgang mit dem Thema müsse dringend überdacht werden. (Text von Christopher Irmler, WN, 5.11.)

Last changed: 08-11-2015 at 06:19:11

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